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Wie Dorf-Güll seine Bevölkerungszahl verdoppelt hat

Dorf-Güll ist der kleinste und gleichzeitig der am stärksten wachsende Stadtteil Pohlheims der vergangenen Jahrzehnte. Ein Ortsportrait.

18. März 2019, 13:00 Uhr

Von Stefan Schaal

Knapp 1400 Menschen leben in Dorf-Güll. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich die Bevölkerung verdoppelt. (Foto: Henß)

Von oben

In unserer Serie »von oben« präsentieren wir Fotos, die Luftfotograf Manfred Henß aufgenommen hat. Unsere Leser erhalten dadurch beeindruckende neue Blickwinkel ihrer Heimat aus der Vogelperspektive.


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Elegant gleitet der Vogel durch die Luft, streckt die Beine nach vorne – und landet im Nest. Ein Storchenpaar lebt hier an der Seemühle – gelegen an der Landstraße in Richtung Eberstadt, wo leise der Welsbach plätschert. Schlagen die Störche mit ihren Flügeln und brechen sie zu einem Ausflug nach Norden auf, dann blicken sie von oben auf schmucke Fachwerkhäuser und ein ländlich geprägtes, idyllisches Fleckchen am Nordzipfel des Limes.

Motto der Vereinsgemeinschaft: »Gemeinsam sind wir stark«

Dorf-Güll ist der kleinste Stadtteil Pohlheims – allerdings auch der in den vergangenen Jahrzehnten am deutlichsten gewachsene. In den 60er Jahren lebten dort noch 660 Menschen, bis heute hat sich die Einwohnerzahl auf knapp 1400 verdoppelt. Maßgeblicher Hintergrund: US-Streitkräfte waren in der Waldsiedlung untergebracht. Als sie Ende der 80er Jahre wieder abzogen, entstand so ein großes neues Wohngebiet in Dorf-Güll, wo sich zahlreiche Familien ansiedelten.

Unter den neuen Dorf-Güllern waren und sind auch viele Russlanddeutsche. Integration ist daher eine Aufgabe, der sich die Dorf-Güller mit großem Engagement stellen. »Gemeinsam sind wir stark«, lautet das Motto der Vereinsgemeinschaft. Jeder dritte Dorf-Güller ist Mitglied in einem der 16 Vereine – ob in der Feuerwehr, beim Sportverein mit den Abteilungen Fußball, Turnen und Gymnastik, in der Theatergruppe der »Frösche«, im Obst- und Gartenverein, oder dienstagabends bei den Proben des Gesangvereins »Heiterkeit«. Das intakte Vereinsleben und die Dorfgemeinschaft werden auch bei mehreren regelmäßigen Festen deutlich: während der Kirmes zum Beispiel. Oder beim zuletzt wieder proppenvollen Weihnachtsmarkt. Und wenn die Dorf-Güller Tragerlfreunde alljährlich das »Seebornfest« ausrichten. Die Feierlichkeiten zum 1200-jährigen Jubiläum Dorf-Gülls waren der Anlass, dass sich vor 20 Jahren die aktive Vereinsgemeinschaft überhaupt gründete.

Spuren aus der Steinzeit

Dorf-Güll, zwischen Lahntal und Wetterau gelegen, erhielt seinen Namen aus der Besonderheit seiner geografischen Lage. Das Dorf war umgeben von sumpfigen Landschaften, die alte niederdeutsche Bezeichnung für derartiges Gelände lautet »Güll«.

Erstmals erwähnt wurde Dorf-Güll unter dem Namen »Gullen« im Codex des Klosters Lorsch aus dem Jahr 799. Mit hoher Wahrscheinlichkeit liegt die Besiedlung allerdings noch viel weiter zurück. Scherbenfunde weisen auf Spuren von Bandkeramikern aus der Neusteinzeit hin. Ausgrabungen lassen außerdem darauf schließen, dass zur Römerzeit Menschen dort angesiedelt waren. Mit Sicherheit trug dazu der landwirtschaftlich gute Boden am Rand der Wetterau bei.

Ein letzter Bauer im Vollerwerb

Heute müssen die Dorf-Güller zum Einkaufen den Weg in benachbarte Gemeinden zurücklegen, nach Lich und nach Garbenteich zum Beispiel. »Das ist der Zahn der Zeit«, weiß Ortsvorsteher Karl-Heinz Kuhl. Einen kleinen Laden gibt es immerhin noch in der Schmiedgasse mit einer Bäckerei direkt neben dem Gasthaus »Alte Scheune«.

Doch auch das alte Dorfleben hat sich verändert. Nur noch ein Dorf-Güller Bauer betreibt Landwirtschaft im Vollerwerb. »Es kimmt koa Melchauto mieh – koa Dempmaschin. M’r hiert koa Bromme vo de Dreschmaschin«, haben Hubert Sames und Klaus Haas vor elf Jahren über das frühere Dorfleben gedichtet. »Koa Holzmaschin kreischt mieh eam Ort. D’s Backhaus, doas eaß langk schu fort.«

Ländlich geprägtes Dorf

Ein Spaziergang durch den historischen Dorfkern, vorbei an Kulturdenkmälern wie dem Alten Schulgebäude oder entlang des zum Teil renaturierten Welsbachs, wo sich Biber angesiedelt haben, lädt indes zum Verweilen ein. »Ich könnte mir nie vorstellen, in einer Großstadt zu leben«, sagt Ortsvorsteher Kuhl schmunzelnd. »Dorf-Güll ist lebens- und liebenswert.« Dann fügt er hinzu: »So sehr Dorf-Güll auch gewachsen ist und auch viele Pendler hier mittlerweile leben – wir sind immer noch ein ländlich geprägtes Dorf mit vielen Ureinwohnern.«

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